“HELLNESS” oder der Wettstreit mit der Lebenszeit

    Ein satirisches Feuerwerk über die körperliche Befindlichkeit einer fünfzigjährigen Dame sorgte für anhaltende Heiterkeit. Die Kabarettistin zeigte sich im Rahmen eines Anlasses

    der PORTA AVIARTA in Hochform.

    Atemlos, schwitzend und hechelnd kommt Helga Schneider durch den Saal auf die Bühne angerannt, direkt vom Joggen im Gelände draussen. Es gibt wegen Seitenstechen keinen

    eigentlichen Übergang von Szene zu Szene. Stress durchzieht nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Wellness‐ und Fitnessprogramm. Hinzu kommen Schönheitschirurgie,

    Wohlfühltherapien oder Einkaufstouren, die den Wettstreit mit der Lebenszeit von Frauen in den Wechseljahren einfordern!

    Die Getriebenheit wird durch strampeln auf der

    Kraftmaschine und programmieren der Ernährung zum Sinnbild. Funktionen und Denkmuster bringt die Artistin auf den Punkt. Sie ruft im herrlichen Züritütsch: „S‘ Läbe fräst

    a mir verbii!“ Das Feuerwerk von Sprache, Fantasie, Trampeln, Yoga, Atmen oder Laufen mit Schrittzähler zur effektreichen musikalischen Untermalung hat Rhythmus und Pfiff.

    HELLNESS beleuchtet lustvoll das Wellnesszeitalter Alles ist lustig, fidel und doch gibt es Zwischentöne, die im temporeichen Alltagsstress

    beinahe untergehen. „E Frau cha doch au schön sii ohni dass mes grad gseht. Es müend doch nöd ali gliich usgseh, suscht weiss de Maa nöd weli das er heinäh söll.“ Geist, Witz,

    Beweglichkeit und die wunderschöne Singstimme im italienischen Lied zeugen von tiefgreifender Kenntnis der Künstlerin über die Befindlichkeit der Gesellschaft und des

    einzelnen Menschen. Das gute Kabarett hilft Abstand von sich selber nehmen zu können und

    erzeugt Fröhlichkeit. Die hohe Kunst, bis an die Grenze zu gehen, den Spannungsbogen zu

    halten und dabei Tiefgang zu wahren gelingt Helga Schneider, zusammen mit ihrem

    technisch‐musikalischen Bühnenpartners Jeannot Steck und der Regisseurin Regula Esposito.

    Ganz im Zeichen der Zeit steht das Jahresprogramm der fahrenden Künstlerin. Die

    grenzenlose Aufmerksamkeit für den eigenen Körper und das eigene Ich sind tatsächlich

    Produkte für einen sich stetig ausweitenden Markt. Helga bearbeitet im Alleingang den Frust

    über die marktbestimmenden Schönheitsvorgaben und die geheimen Ängste um das

    Altwerden, die besonders Frauen während der Wechseljahre umtreiben können. Der

    vollendete Spiegelreflex des Publikums ist Beweis für die Qualität der Darbietung. Jede und

    Jeder findet in den Szenen einen Teil von sich selber und überprüft vielleicht im Nachhinein

    lustvoll die eigenen Verhaltensformen.

    PORTA AVIARTA

    Kulturelle Veranstaltungen verschiedener Stilrichtungen organisiert Porta Aviarta unter dem

    Präsidium von Carlo Lazzarotto. Dank einer namhaften Sponsorenschaft kann das

    Organisationsteam die Anlässe mit einem feinen Apéro ausklingen lassen und bietet somit

    den Darbietenden und dem Publikum gegenseitige Austauschmöglichkeiten und

    Begegnungen.

    Elisabeth Bardill